Behind the Scenes: Einfluss von Lotpastendruck und Reflowlöten auf die Produktqualität

Wir geben einen Einblick in Fertigungstechnologien.

In der Elektronikfertigung entscheidet nicht erst der sichtbare Lötprozess über die Qualität einer Baugruppe, der Grundstein wird bereits beim Lotpastendruck gelegt. Tatsächlich entstehen über 60% aller Fehler im Reflowprozess durch Unregelmäßigkeiten beim Pastenauftrag. Was nach außen wie ein standardisierter Ablauf wirkt, ist intern ein hochkomplexer, fein abgestimmter Prozess, der durch unsere erfahrenen Mitarbeiter für jedes Produkt individuell bewertet und optimiert wird.

Dieser „Behind the Scenes“-Einblick zeigt, mit welchem technologischen Know-how und welcher Detailtiefe wir den Lotpastendruck und das Reflowlöten beherrschen.

1. Pastenauswahl: Grundlage für stabile Prozesse

Die Auswahl der Lotpaste erfolgt niemals pauschal, sondern basiert auf einer detaillierten Analyse von Kundenanforderungen und Bauteilspektrum. Entscheidend sind unter anderem:

  • Bauteilgrößen und Pitch: Feine Strukturen erfordern Pasten mit angepasster Korngröße und Fließeigenschaften.
  • Legierungssysteme: Bleifrei, Low-Temperature oder spezielle Legierungen je nach Anwendung.
  • Void Ratio (Lunkeranteil): Insbesondere bei thermisch hochbelasteten Bauteilen wie QFNs oder Power-Komponenten wird gezielt eine Paste gewählt, die geringe Voids begünstigt.

2. Lagerung und Standzeiten: Sensible Materialeigenschaften

Lotpasten sind hochsensitive Materialien. Ihre Eigenschaften verändern sich durch:

  • Temperaturabweichungen bei Lagerung
  • Überschreiten der Standzeit
  • Feuchtigkeitseinflüsse

Eine nicht korrekt konditionierte Paste führt zu veränderter Viskosität, schlechter Benetzung und unzureichendem Aperturfüllverhalten. Lagertemperatur, Öffnungsdatum und Standzeiten werden von uns daher eng überwacht.

3. Korngröße und Aperturdesign: Präzision im Mikrometerbereich

Die Abstimmung zwischen:

  • Korngröße der Paste
  • Größe und Geometrie der Schablonenöffnungen (Apertur)

ist entscheidend. Nur wenn das Verhältnis stimmt, wird sichergestellt:

  • vollständige Aperturfüllung
  • saubere Ablösung von der Schablone
  • Vermeidung von Brückenbildung oder Voids

Hier spielt insbesondere das Area Ratio eine zentrale Rolle – ein kritischer Parameter für die Druckfähigkeit. Apertur-Design (Area Ratio): Das Verhältnis von der Öffnungsfläche zur Wandungsfläche der Schablone. Ist die Öffnung zu klein im Verhältnis zur Schablonendicke, löst sich die Paste nicht sauber ab. Wahl der Korngröße: Für ein optimales Druckergebnis und um Verstopfungen der Schablone zu vermeiden, folgt man in der Industrie der „5-Ball-Rule“ (5-Kugeln-Regel). Diese besagt, dass mindestens fünf Partikel der Lotpaste nebeneinander in die kleinste Öffnung (Apertur) der Schablone passen sollten.

4. Analyse des Bauteilspektrums und Bestückungsdichte

Moderne Baugruppen weisen eine hohe Bauteildichte und große Varianz auf. Daraus ergeben sich Anforderungen wie:

  • Einsatz von Stufenschablonen bei unterschiedlichen Padgrößen
  • Anpassung der Pastenmenge für Fine-Pitch- und Power-Bauteile gleichzeitig

–    Vermeidung von Über- oder Unterdosierung

5. Pad-Design und Schablonenoptimierung

Ein optimales Ergebnis ist nur durch die Kombination aus:

  • Designbewertung der Pads
  • Anpassung der Schablonendaten

möglich. Dazu zählen:

  • Modifikation von Aperturen (z. B. Fensterstrukturen bei großen Pads)
  • Reduzierung oder Vergrößerung der Pastenmenge je nach Anwendung

–     Optimierung zur Void-Reduktion

6. Einrichtung der Drucksysteme: Prozessstabilität als Ziel

Der Siebdruckprozess wird präzise eingestellt, unter anderem durch:

  • Mittellagenunterstützung der Leiterkarte, um Durchbiegung zu verhindern
  • Sicherstellung eines gleichmäßigen Kontakt- und Druckverhaltens
  • Minimierung von mechanischen Einflüssen auf das Druckbild

7. AOI-Integration: Inline-Prozesskontrolle

Die automatische optische Inspektion (AOI) ist ein integraler Bestandteil für die Qualitätssicherung:

  • Prüfung von Menge und Lage der Lotpaste
  • Früherkennung von Prozessabweichungen
  • Sicherstellung eines stabilen Serienprozesses

Die Programmierung erfolgt produktspezifisch und basiert auf definierten Toleranzen.

8. Reinigung der Schablonen: Vermeidung systematischer Fehler

Ein oft unterschätzter Faktor ist die regelmäßige Reinigung der Schablonenunterseite. Rückstände führen zu:

  • Verschmierungen
  • Kurzschlüssen
  • Prozessdrift

Der Reinigungszyklus wird daher exakt auf Produkt und Prozess abgestimmt.

9. Kritische Parameter im Lotpastendruck

Die Qualität des Pastenauftrags hängt maßgeblich von folgenden Prozessparametern ab:

  • Rakeldruck (Squeegee Pressure):Er muss hoch genug sein, um die Schablone sauber „abzuziehen“, aber nicht so hoch, dass die Paste aus den Öffnungen (Aperturen) wieder herausgekratzt wird ( =“Scooping“ = unerwünschte Herausdrücken oder Entfernen von Druckpaste aus den Öffnungen der Schablone während des Druckvorgangs) .
  • Rakelgeschwindigkeit (Squeegee Speed):Bestimmt, wie gut die Paste in die Öffnungen rollt. Zu schnell führt zu lückenhaftem Auftrag, zu langsam kann das Ablösen der Schablone erschweren. Einfluss auf Füllverhalten der Aperturen.
  • Trenngeschwindigkeit (Snap-off / Separation Speed):Wie schnell sich die Schablone nach dem Druck von der Leiterplatte hebt. Ein kontrolliertes, langsames Abheben verhindert, dass Paste an den Wandungen der Schablone hängen bleibt. Kontrolliertes Ablösen verhindert Pastenrückstände.
  • Reinigungskreislauf (Stencil Cleaning):Verhindert systematische Fehlerbilder. Anzahl Reinigungszyklen der Schablonenunterseite. Reste an der Unterseite führen zu Verschmierungen (Brückenbildung) auf der nächsten Leiterplatte.
  • Pastenviskosität & Temperatur: Essenziell für Rollverhalten und Druckqualität. Die Paste muss geschmeidig genug sein, um zu rollen. Eine zu kalte oder zu alte (ausgetrocknete) Paste füllt die feinen Öffnungen nicht korrekt aus.
  • Apertur-Design (Area Ratio): Kritisch für zuverlässige Pastenfreigabe

10. Reflowlöten: Thermisches Feintuning

Nach dem Pastendruck folgt mit dem Reflowprozess die thermische Umsetzung. Das Temperaturprofil wird individuell erstellt und umfasst mehrere präzise definierte Phasen:

Aufheizphase (Ramp-up Rate): Bestimmt, wie schnell die Temperatur zu Beginn steigt.

  • Typisch: +1 bis +3 K/s
  • Ziel: Vermeidung thermischer Spannungen und Bauteilverschiebung

Vorheiz- & Aktivierungszone (Aktivierungszone / Soak Zone): Hier wird die Baugruppe auf einer konstanten Temperatur gehalten, damit das Flussmittel in der Lötpaste oxidierte Schichten entfernen kann und alle Komponenten gleichmäßig warm werden.

  • Temperaturbereich: ca. 150–180 °C
  • Aktivierung des Flussmittels und gleichmäßige Erwärmung

Peak-Temperatur (Spitzentemperatur): Der heißeste Punkt im Profil. Sie muss hoch genug sein, um das Lot vollständig zu schmelzen, aber niedrig genug, um hitzeempfindliche Bauteile nicht zu zerstören.

  • bleifrei: typischerweise 235–250 °C
  • Sicherstellung vollständiger Benetzung ohne Bauteilschädigung

Time Above Liquidus (TAL) (oft auch als Verweilzeit bezeichnet – beschreibt die Zeitspanne, in der das Lot während des Reflow-Lötprozesses in geschmolzenem Zustand vorliegt)

  • Typisch: 30–90 Sekunden
  • kritisch für intermetallische Phasenbildung und mechanische Stabilität

Abkühlphase

  • kontrolliertes Abkühlen für feinkörnige Gefügestruktur
  • Vermeidung von Rissen durch thermische Spannungen

Fazit: Qualität entsteht im Detail

Lotpastendruck und Reflowlöten sind keine isolierten Prozessschritte, sondern eng verzahnte Einflussgrößen, die maßgeblich über die Qualität und Zuverlässigkeit elektronischer Baugruppen entscheiden.

Die Vielzahl an Parametern, die produktspezifisch analysiert, bewertet und optimiert werden, zeigt:

Ein stabiler Fertigungsprozess entsteht nicht zufällig, er ist das Ergebnis fundierter Expertise, systematischer Entwicklung und kontinuierlicher Feinjustierung.

Und genau diese Arbeit geschieht „behind the screens“, ohne direkte Sichtbarkeit in der Kostenkalkulation, aber mit entscheidendem Einfluss auf die Performance des Endprodukts.

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